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"Ein Nachruf"


Was auch immer das heißen mag ...


Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten!

Nun ist es also gleich soweit: Sie erhalten Ihr Abiturzeugnis und sind aus der Schule ins Leben entlassen. Freude und Zufriedenheit über das Erreichte, die (wie wir ja gehört haben) teils kritische, teils schon jetzt mystifizierende Rückschau auf das Vergangene einerseits und der zwischen banger Erwartung und optimistischer Zuversicht schwankende Blick in die Zukunft andererseits beherrschen die Gedanken. Aber dazwischen, viel wichtiger: Das Hier und Heute, eine Situation zum Feiern, zum Genießen, zum Leben und Er-Leben, genau genommen: keine gute Situation für viele Worte. Dennoch: der Ablauf dieser Feierstunde verlangt die Festrede, und es war diesbezüglich Ihr (leider erst etwas spät geäußerter) Wunsch, dass ich anlässlich der Überreichung der Abiturzeugnisse (Sie haben doch alle ihre Bücher abgegeben, oder?) noch einmal ein das Worte an Sie richte, ein Wort nach bestandenem Abitur, ein Wort nach Abschluss ihrer Schulzeit, sozusagen - ein Nachwort.

"Nachwort" - das klingt für mich aber verdächtig nach "Nachruf", der peinlichen  Lobhudelei der Hinterbliebenen auf die von ihnen Gegangenen. Schöne Worte, wohlwollend, wie halt ein naher Bekannter und vielleicht sogar echt Trauernder über den nicht mehr in der gewohnten Form Anwesenden spricht. Und nun ist die Situation auch tatsächlich Nachrufgeeignet: Auch wenn Sie mit dem Abgang vom Kant-Gymnasium zwar nicht das Zeitliche segnen, so verlassen sie uns hier doch für immer, es sei denn, sie inkarnieren sich irgendwann als Lehrer und kehren, dann zur anderen Seite gehörend, zurück. Übrigens eine sehr wünschenswerte Vorstellung, denn wenn ich einerseits wehmütig auf das Durchschnittsalter des Kollegiums blicke, aber andererseits selbst im positiven Sinne erfahren habe, wie jüngere Kollegen hier genau den Schwung bringen, der bei manchem von uns Alt-Eingesessenen wieder belebt werden muss und auch kann, wünschte ich mir viele junge Kollegen.

Aber ich will keinen klassischen Nachruf verfassen, denn erstens sind Sie ja nicht verstorben, zweitens liegt es mir nicht, zu beschönigen. Blicken wir stattdessen lieber noch einmal kurz, aber ehrlich auf die vergangenen Jahre, auf unseren gemeinsamen Weg, zurück: Liebe auf den ersten Blick war es ja wohl nicht. Im Gegenteil: Die ersten Kontakte mit Ihrem, ich denke, inzwischen darf ich auch "Eurem" Jahrgang sagen, in der Filiale in der Leuschner-Schule in den Stunden, die der Vorbereitung auf das Betriebspraktikum dienen sollten, waren schlichtweg unerbaulich und konnten gar nicht kurz genug sein, um aus dem Haufen für mich weitgehend ununterscheidbarer, stressender und nerven­der Schüler wieder verschwinden zu können. Und auch das Verhältnis zu denjenigen, die ich erst in der E-Phase als eine ebenso undifferenzierbare Masse kennen lernte, war lange Zeit beiderseitig doch wohl eher distanziert. Es bedurfte etlicher Zeit im Unterricht, aber auch der Abende am Inn in Mühldorf, an heimischen Spandauer Gewässern oder am fernen Strand von Marina di Massa, der fachübergreifenden Diskussionen im Un­terricht über Hesse, Gott und die Welt, der gemeinsam mit scheinbaren Banalitäten verbrachten Pausen, besonders aber der AG-Stunden mit Philosophie oder Go-Spiel, der Gespräche in der Cafeteria, der Arbeit in der GSV und auf dem GSV-Seminar, der Vorbereitung aufs Abitur und vieler, vieler anderer, kleiner Begebenheiten, um Euch als die kennen und schätzen zu lernen, die mir von nun an, und da gehen meine Ausführungen wieder ins Nachrufhafte, im Schulalltag fehlen werden, weil mir Schule mit ihnen zusammen Spaß gemacht hat. "Immer? Nein, nicht immer. Aber immer öfter."
Zunächst und hauptsächlich bei der Vermittlung des vom Rahmenplan geforderten Stoffes, der trotz aller Schwächen und von Euch zu Recht kritisierten Inhalte doch zur Vermittlung der Grundlagen dienlich ist, die Ihr zum Bestehen in unserer modernen, aber von einer langen Tradition geprägten Welt benötigt. Aber auch in alltäglichen Situationen haben wir Euch nach bestem Wissen und Gewissen mit gut gemeinten, teilweise leider missverstandenen oder bewusst missachteten Hinweisen zu dem, was man "Lebensweisheit" nennen könnte und was Euch helfen und Eure Einstellungen beeinflussen sollte, beratend mit guten Worten zur Seite gestanden - leider in manchen Situationen auch nicht.

Aber das ist jetzt egal, denn die Zeit der Worte von uns an Euch ist unwiederbringlich abgelaufen, es kann also kein Nachwort in diesem Sinne geben. Ich glaube nicht, dass Ihr deswegen viel vermissen werdet, und ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt viel zu vermissen gibt. Aber wenn ihr dennoch so wie ich meintet, dass manches von dem Unterrichteten und Gelehrten der letzten Jahre von Wert für Euch ist, ihr also aus der vergangenen Zeit hier einen Nutzen habt ziehen können, fiele es uns einerseits leichter, Euch gehen zu sehen, andererseits erlaubte es uns, die Möglichkeiten im Lehrberuf optimistischer zu beurteilen und hoffnungsvoller in die Zukunft, auf die jetzt noch von uns unterrichteten Schülergenerationen, zu schauen, um es dann besser zu machen. Denn, ob Ihr es glaubt oder nicht: wir haben einen Anspruch: "Gut ist uns nicht gut genug."

Nachwort - in diesem Zusammenhang notwendig allgemein als Frage zu verstehen, ob ich, ob wir, das Kant-Gymnasium, ja, die Schule überhaupt das geleistet haben, was uns aufgegeben und trefflich im §1 des Schulgesetz für Berlin formuliert ist:  

"Aufgabe der Schule ist es, alle wertvollen Anlagen der Kinder und Jugendlichen zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründliches Wissen und Können zu vermitteln. Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen zur Gewaltherrschaft strebenden politischen Lehren entschieden entgegenzutreten sowie das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit, der Menschenwürde und der Gleichberechtigung der Geschlechter zu gestalten. Diese Persönlichkeiten müssen sich der Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit bewusst sein, und ihre Haltung muss bestimmt werden von der Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen, von der Achtung vor jeder ehrlichen Überzeugung und von der Anerkennung der Notwendigkeit einer fortschrittlichen Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie einer friedlichen Verständigung der Völker."

Über die Richtigkeit und Wichtigkeit dieser Ziele und Vorstellungen kann man, gerade angesichts auch der aktuellen Ereignisse aus Solingen und Mölln, aber auch der Tendenzen, die sich in unserer unmittelbaren Umgebung, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, am Münsingerplatz vor dem Spandauer Rathaus, ja, auch hier in den Räumen unseres Refugiums Kant-Gymnasium, abspielen, nicht streiten, sehr wohl aber darüber, wie weit wir sie in Euch so verwirklicht haben, dass ihr fähig und bereit seid, Konsequenzen zu ziehen. Ich denke: "Es gibt viel zu tun, packen wir es an."

"Nachwort" - das möchte ich, und damit komme ich zum Kernpunkt meiner Ausführungen, hier aber vornehmlich aber als den deutlichen Hinweis interpretieren, dass nach dem Wort, dem wir gerade in der Ausbildung am Gymnasium so großen Wert beimessen, noch etwas Wichtigeres kommt, ebenso wie die Metaphysik, d.h. die Philosophie, dem Wort nach nach der Physik kommt, ihr aber durchaus nicht nachsteht: "Der Worte sind genug gewechselt. Lasst mich auch endlich Taten sehn!" verlangt der Theaterdirektor in Goethes "Faust", und ich denke, genau das ist auch die Forderung der Stunde an Euch: Die Zeit der Worte, des Theoretisierens, des gedanklich Geleitet- bzw. von Euch vielleicht so empfundenen gegängelt seins in der Schule ist vorbei. Im Beruf oder im Studium, ferner umfassend in Euren Lebensumständen, die Ihr nun immer mehr selbst in die eigenen Hände nehmen könnt und müsst, aber insbesondere in Eurer Position in unserer Gesellschaft, diesem unserem Staat werden vermehrt Entscheidungen, Taten von Euch gefordert. Ich wünsche Euch und damit eigentlich vermittelt uns allen, dass ihr in dieser, Euch vielleicht neuen Situation, erfolgreich bestehen könnt.

Ich befürchte allerdings, wir, die Institution Schule, haben Euch dazu nicht sehr viel Rüstzeug mitgegeben, stehen doch bei uns Worte höher im Kurs als Taten, Theoriebildung höher als praktische Anwendung, wenngleich uns doch eigentlich die Problematik klar ist: Wie müßig die Bedeutsamkeit der Feststellung, dass die gebrochen-rationale Funktion "X geteilt durch X minus 2" an der Stelle 2 eine Polstelle hat mit der Erfahrung, dass ein Mitschüler in irgendeiner Situation überraschend nicht geahnte menschliche Qualitäten, die man ihm nicht zugebilligt hätte, hat, zu vergleichen.Darüber hinaus dürften zumindest unbewusst vielen von Euch klar geworden sein, dass Schule auch ein Ort des Handelns, des Lebens und Er-Lebens sein sollte. Besonders deutlich wird das für mich immer wieder in gemeinsamen Projekten, sei es an Projekttagen, an Wandertagen, beim gemeinsamen Frühstück, auf Klassenfahrten, in Arbeitsgemeinschaften, beim Einrichten der Cafeteria. Ich denke, wenn gelegentlich von dem obskuren und nicht näher definierten "Klima" einer Schule gesprochen wird, dann ist dieses auch durch das bestimmt, was zusammen gemacht, und nicht nur durch das, was auf einer theoretischen Ebene indirekt zu vermitteln versucht wird.

Und auch im schon zitierten §1 des Schulgesetzes wird auf Handeln Wert gelegt: 

     - der Ideologie des Nationalsozialismus entschieden entgegentreten, d.h. sie nicht nur rational und wortgewaltig ablehnen, sondern bekämpfen, 

     - das gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Menschenwürde gestalten, d.h. nicht nur z.B. Menschenrechtsverletzungen bedauern, sondern selbst dagegen aktiv zu werden:

     - die gesellschaftlichen Verhältnisse fortschrittlich gestalten, d.h. nicht nur auf Stammtischniveau herum zu kriteln, sondern persönlich  am Aufbau einer Gesellschaft arbeiten, in der es z.B. keine Fremden, wohl aber Fremdwörter, z.B. Krieg, Hass, Angst, Diskriminierung, Unfreiheit gibt.

"Nachwort" - da fällt mir zu guter letzt und nach den ganzen theoretischen und damit eigentlich im Gegensatz zur Message meiner Rede stehenden Überlegungen aber hauptsächlich ein weiterer, zumindest in Berlin bekannter und ihre Situation treffend beschreibende Werbespruch ein, der ja auch zum Handeln auffordert, dann "wenn alles getan ist ... !" Und es ist jetzt, zumindest für die nächsten Tage, alles getan. In diesem Sinne: auch wenn hier das Bayrisch Dunkel leider nicht wie im Garten des Hell-Bräu zu Altötting vom Faß, sondern bestenfalls aus der Bügelflasche fließt: Prosit! Auf Euer Wohl, auf Eure zurückliegende Schulzeit, auf Euer bestandenes Abitur, auf das vor Euch liegende Leben.

Ich wünsche Euch, jedem einzelnen von Euch, alles Gute für die Zukunft. Ach ja, noch etwas: Ihr werdet mir fehlen. Ein letztes Mal danke ich für die Aufmerksamkeit.